Über mich – Thorsten Neher | Obdachlosenwegweiser
Thorsten Neher, Gründer des Obdachlosenwegweisers
Über mich

Thorsten Neher –
Gründer & Projektinitiator

Ich war selbst obdachlos. Diese Erfahrung hat mich geprägt – und ist der Grund, warum ich den Obdachlosenwegweiser gegründet habe.

Meine Geschichte

Obdachlosigkeit aus erster Hand erlebt

Im Winter 2002/2003 war ich selbst obdachlos – in Berlin, bei Minustemperaturen, ohne Dach über dem Kopf und ohne zu wissen, wohin ich mich wenden sollte. Was ich in dieser Zeit erlebt habe, hat mich bis heute geprägt.

Wenn man sich in einem Bahnhof aufwärmen wollte, wurde man verjagt. Von den Behörden erhielt ich keine Hilfe – immer wieder wurde mir nur eine Rückfahrkarte nach Köln angeboten, weil dort meine letzte polizeiliche Meldung war. Nach zwei Wochen auf der Straße habe ich dieses Angebot schließlich angenommen, weil ich einfach nicht mehr konnte.

„Die Notübernachtung in der Franklinstraße hat mir damals sprichwörtlich das Leben gerettet. Nachts ein Dach über dem Kopf, etwas Wärme – das war alles, was ich hatte. Aber es war genug, um durchzuhalten.“

— Thorsten Neher

Etwa ein Jahr später bin ich erneut nach Berlin gegangen – diesmal mit mehr Glück. Über die Treberhilfe konnte ich betreutes Einzelwohnen in Anspruch nehmen und war endlich von der Straße weg. Die Zeit meiner Obdachlosigkeit war zwar kurz, aber sie hat mich in einer Weise geprägt, die ich nie vergessen werde: Ich kannte meine Rechte nicht, ich kannte das Hilfesystem nicht – und ich war komplett allein damit.


Warum der Obdachlosenwegweiser

Eine Idee, die aus eigener Erfahrung entstand

Im Jahr 2022 begann ich, mich ehrenamtlich bei einem Verein in der Wohnungslosenhilfe zu engagieren. Die Möglichkeit, aktiv etwas beizutragen und etwas von dem zurückzugeben, was ich selbst einmal gebraucht hatte – das war für mich eine tief bedeutsame Erfahrung. Ich lernte viel: über das Hilfesystem, über die Strukturen sozialer Arbeit, über das, was wohnungslose Menschen wirklich brauchen.

Gleichzeitig sammelte ich Erfahrungen, die mich nachdenklich stimmten. Ich beobachtete, dass das ehrliche Interesse am Schicksal der betroffenen Menschen nicht bei allen Beteiligten im Vordergrund stand – weder bei manchen Ehrenamtlichen noch bei einzelnen hauptamtlichen Kräften. In sozialen Einrichtungen treffen engagierte, aufopferungsvolle Menschen auf solche, denen die Arbeit vor allem zur Selbstverwirklichung oder zum Durchsetzen eigener Interessen dient. Das ist keine Besonderheit dieses einen Vereins – es ist eine Realität, die sich durch viele Bereiche der Sozialarbeit zieht und die ich für wichtig halte, offen anzusprechen.

Was mich besonders beschäftigt hat: Wohnungslose Menschen sind eine besonders verletzliche Gruppe. Sie sind auf Hilfe angewiesen, haben oft keine Lobby und können sich kaum wehren, wenn das System, das ihnen helfen soll, sie nicht ernst nimmt. Diese strukturelle Schieflage – zwischen dem Anspruch der Hilfe und der gelebten Praxis – war ein wesentlicher Antrieb, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen.

„Ich wollte kein Projekt, das nach außen gut aussieht, aber nach innen Gleichgültigkeit verwaltet. Ich wollte etwas aufbauen, bei dem der Mensch wirklich im Mittelpunkt steht – nicht Strukturen, Machtspiele oder Eigeninteressen.“

— Thorsten Neher

Die Idee zum Obdachlosenwegweiser entstand in dieser Zeit. Mir war aber schnell klar, dass sie in diesem Vereinsrahmen nicht zu verwirklichen war. 2024 habe ich den Verein verlassen und angefangen, die Idee eigenständig mit Leben zu füllen.


Vom Plan zur Realität

Warum aus der großen Datenbank ein persönliches Hilfesystem wurde

Ursprünglich war eine umfangreiche, öffentlich zugängliche Datenbank aller Hilfsangebote in Deutschland geplant – eine Art Wegweiser, den Betroffene selbst nutzen können, ohne auf Hilfe von außen angewiesen zu sein. Ich habe intensiv daran gearbeitet und war kurz vor der Fertigstellung.

Dann kamen die Zweifel – und sie waren berechtigt. Gerade sensible Einrichtungen wie Suchtberatungsstellen, psychiatrische Anlaufstellen oder Frauenhäuser dürfen nicht einfach veröffentlicht werden. Es braucht die ausdrückliche, dokumentierte Zustimmung jeder einzelnen Einrichtung. Das alleine zu koordinieren – ohne Team, ohne finanzielle Mittel, neben dem Hauptberuf – war schlicht nicht realisierbar.

Also habe ich umgedacht. Das Ergebnis ist ein Ansatz, der in mancher Hinsicht sogar besser funktioniert: Wer Hilfe sucht, stellt eine persönliche Anfrage. Ich recherchiere individuell, stelle passgenaue Informationen für den jeweiligen Ort und den jeweiligen Bedarf zusammen – und antworte direkt. Kein Algorithmus, kein automatisiertes System. Sondern ein Mensch, der sich kümmert.

„Das ist aufwendiger als eine Datenbank. Aber es ist menschlicher. Und genau das war mir immer wichtig.“

— Thorsten Neher

Was ich tue

Ein Projekt, das von Herzen kommt

Ich arbeite beruflich als Helfer bei einem Pflegedienst. Der Obdachlosenwegweiser ist mein Herzensprojekt – in meiner Freizeit, mal mit mehr Zeit, mal mit weniger. Aber immer mit dem gleichen Antrieb.

Aktuell umfasst das Projekt zwei Bereiche: das persönliche Hilfsanfrage-System, bei dem ich für Betroffene passende Anlaufstellen in ihrer Stadt oder ihrem Landkreis recherchiere, sowie das Videoprojekt „Die Stimme der Straße“, mit dem ich wohnungslosen Menschen eine Plattform geben möchte, ihre Geschichte selbst zu erzählen – ohne Filter, ohne Mittelsmänner.

Vielleicht kann das Projekt irgendwann in einen gemeinnützigen Verein überführt werden – einen, bei dem die Menschen wirklich im Mittelpunkt stehen. Bis dahin mache ich weiter, so gut ich es kann.


Warum wir so offen über Datenschutz sprechen

Ihr sollt wissen, woran ihr seid

Wenn ihr euch bei uns meldet, gebt ihr uns etwas Persönliches – euren Namen, eure Situation, manchmal eure Geschichte. Das nehmen wir ernst.

Deshalb erklären wir genau, was wir mit euren Daten machen, wie lange wir sie speichern und wann wir sie löschen. Nicht in Juristensprache, sondern so, dass es jeder verstehen kann. Ihr sollt wissen, woran ihr seid – das ist das Mindeste, was wir euch schulden.

Ich habe in der Vergangenheit erlebt, wie selbstverständlich Intransparenz manchmal ist – gerade dort, wo Menschen Vertrauen schenken müssen. Das möchte ich hier anders machen.